Phänomen Körperbehaarung bei Frauen (PDF)
von Lisann Lechtermann


Für viele Frauen ist es kein Körperbehaarung: Wir alle haben sie. Und doch ist es immer noch so, dass viele sie bei männlich gelesenen Personen als natürlich empfinden und bei weiblich gelesenen Personen als unnatürlich oder gar unhygienisch. Diese sollen doch bitte glattrasiert sein. Wie internalisiert das Schönheitsideal der glatt rasierten Frau ist, sieht man bereits in der Werbung für Rasierer. Dort rasieren oder epilieren Frauen ihre Beine und Achseln, an denen ohnehin schon kein einziges Haar mehr zu sehen ist. Körperbehaarung an einer Frau wird somit als so befremdlich betrachtet, dass nicht einmal der Prozess der Haarentfernung gezeigt wird.

Allerdings war das nicht immer so, denn die Haarrasur fungiert als ein allgemein kultureller Trend. Körperbehaarung wächst an bestimmte Stellen, um einen Zweck zu erfüllen. Die Körperbehaarung schützt den Menschen generell vor UV-Strahlung, Parasiten sowie Krankheitserregern. Die Körperbehaarung erhöht auch die Sensibilität der Haut, denn sie leiten Berührungen früh an die Haut weiter und dort kommt es zu einer verstärkten Empfindung der Berührung. Haare schützen uns an vielen verschiedenen Stellen des Körpers auf verschiedene Weisen: Beispielsweise über den Augen, damit kein Schweiß in die Augen läuft, um die Genitalien herum, um vor Keimen und Bakterien zu schützen, und unter den Achseln zum Verbreiten der eigenen Körpergerüche. Außerdem stoßen die Achselhaare Feuchtigkeit von der Haut ab, sodass die Fläche trocken bleibt, was wiederum das Wachstum von Bakterien verhindert. Rasieren ist aus gesundheitlicher Sicht also nicht unbedingt von Vorteil, denn bei jeder Rasur entstehen mikroskopisch kleine Risse in der Haut, durch die Viren eindringen können. Wer sein Schamhaar nicht entfernt, macht sich weniger empfänglich für Herpes, HPV- oder HIV- Viren. Wieso hat sich der Trend zur Entfernung der Körperbehaarung also entwickelt und wodurch?

Im alten Ägypten war es tatsächlich so, dass ein haarloser Körper dem Schönheitsideal entsprach. Dies hatte allerdings im damaligen Glauben auch praktische Gründe, beispielsweise soll es für das Vermeiden von Läusen essentiell gewesen sein. Nur Augenbrauen durften bleiben, sogar der Kopf wurde kahl rasiert und mit einer Perücke bedeckt. Im Antiken Rom und Griechenland geht man laut Forschungen davon aus, dass die Tradition weiterhin bestand, zumindest im Sinne einer Schamhaar Entfernung. Während der Regierungszeit von Queen Elisabeth I. (1558 – 1603) war es in Mode die Haare der Stirn und der Schläfen zu entfernen, damit diese hoch erschienen.
Im Europäischen Spätmittelalter dann fanden Rezepte zur Haarentfernung Eingang in die Hausbuchliteratur und erreichte somit die adlige Bevölkerung. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich die Kosmetikindustrie und immer mehr Haarentfernungsgeräte kamen auf den Markt. Ein revolutionäres Produkt in der Schönheitsindustrie gelang dem Amerikaner King Camp Gillette mit dem Einwegrasierer, welcher ab 1903 in Produktion ging. Rasiermesser für Männer gab es allerdings schon ab 1760. 1915 warb die Zeitschrift Harpers Bazaar das erste Mal für Rasur, in Form von Achselhaarrasuren bei jungen Frauen. Die Idee, die dahintersteckte war, wie auch heute noch, dass haarlose Körper auf den Mann femininer und so mit attraktiver wirken sollten. Danach fingen Frauen in den USA und später auch in Europa an, sich die Achsel- und Beinhaare als Form eines Schönheitsrelikts zu rasieren.

Der zweite Weltkrieg hatte Nylon- Knappheit ausgelöst und nahm so vielen Firmen die Möglichkeit Strumpfhosen zu produzieren. Sie mussten umdenken, und fingen an Haarentfernungsprodukte für Frauen auf den Markt zu bringen. In den 50er Jahren war es somit akzeptiert seine Haare zu entfernen, aber es war nicht besonders weit verbreitet. Erst ab den 60ern, in welchen das Bikinigeschäft ein Aufschwung erlebte, gewann die Intimrasur mehr Bekanntheit. Allerdings schwankte der Trend wieder, wie die Hippie-Bewegung in den 70ern prominent zeigt. Die Pornoindustrie pushte den Trend zur Haarentfernung weiter an, und ließ Haare an Frauen unhygienisch erscheinen. Die heutige Konfrontation mit Sozialen Medien tut sein Übriges dazu, dass haarlose Körper an Frauen als der Standard gesehen wird, denn wiederholtes Ansehen steigert ästhetischen Gefallen. Eine ständige Konfrontation mit den Bildern von glattrasierten Models fungiert daher wie eine Art Gehirnwäsche.

Viele Frauen versuchen ihren natürlichen Körper, und damit auch Körperbehaarung, heutzutage zu reclaimen. Ein Beispiel ist das schwedische Model Arvida Byström, die sich mit unrasierten, dunkel behaarten Beinen, unter anderem in einer großen Adidas Kampagne von 2017 zeigt, und massiv angefeindet wurde. Sie erhielt unter anderem Vergewaltigungsbedrohungen. Diese Reaktionen bewiesen, „dass unsere Gesellschaft noch immer große Angst vor Weiblichkeit habe“, so Byström selbst. Inzwischen bekommen jedoch viele Frauen Zuspruch für die Entscheidung ihre Körper so anzunehmen, wie er ist, und sich genauso wenig für Körperbehaarung zu schämen, wie Männer es tun. Viele teilen ihre Entscheidung auf Social Media dazu unter Hashtags wie #freeyourpits und #pithairdoncare. Auch berühmte Persönlichkeiten schließen sich dem selbstbestimmten Körperbild an, wie beispielsweise Miley Cyrus, Lola Kirke und Madonna, die sich mit Achselhaaren zeigen.

Wichtig ist für sich selbst zu entscheiden, was man am eigenen Körper als schön empfindet und zu reflektieren, wovon diese Entscheidung beeinflusst wird. Eine Empfehlung zum Schluss: Wenn Sie sich einer Person, mit der sie ein sexuelles Verhältnis eingehen nackt zeigen und diese Person äußert sich negativ zur Körperbehaarung von Ihnen – Hauen sie ab!